T.I.M.E Stories (spoilerfrei)

Als erstes Spiel nach der Sommerpause habe ich mir T.I.M.E Stories ausgesucht. Den Kennerspielpreis hat es dieses Jahr leider nicht bekommen. Details dazu gab es diese Woche ja schon aber wir wollen ja nicht in der Vergangenheit leben. Das wäre Zeitverschwendung … wow die Wortspiele werden schlechter und schlechter … Machen wir es besser und kommen endlich zum Spiel … natürlich spoilerfrei.

Eckdaten

Autor: Manuel Rozoy, Peggy Chassenet
Illustrationen: Benjamin Carré, David Lecossu, Pascal Quidault
Verlag: Space Cowboys im Vertrieb von Asmodee (Verlagsseite)
Erscheinungsjahr: 2015
Spieleranzahl: 2-4
Dauer: pro Durchlauf schätze ich mal 60 -90 min. Insgesamt dürfte man bis man die Mission das 1. Mal geschafft hat zwischen 3 und 5 Stunden brauchen.
Schachtelgröße: 30cm x 30cm x 7,8cm
Preis: ca 40€

Ausstattung

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Prinzipiell macht die Schachtel einen guten Eindruck. Der Platz für die Marker ist aber zu eng bemessen und wenn man speichert und den Holzmarker in die Zeitleiste legt bekommt man ihn nur mit Hilfsmitteln wieder raus. Herumschütteln sollte man die Schachtel auch nicht, sonst gibts etwas Chaos.

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Das Innenleben der Schachtel. Den Spielstand kann man in den Fächern rechts und in den freien Fächern an der Unterseite speichern, indem die Spieler dort Karten und Marker deponieren

Am Material selbst gibt es nichts auszusetzen.Holzwürfel sind zwar nicht meine Favoriten aber sie passen vom Material her zur restlichen Ausstattung.

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Die Holzwürfel

Grafische Gestaltung

Das Spielfeld ist farblich sehr schlicht gehalten. Nichts was sich aufdrängt. So stechen die Panaormaillustrationen besonders gut hervor. Und was den Fall „Die Nervenheilanstalt“ angeht, sind diese wirklich gelungen.

Die Symbole sind gut verständlich. Zu Beginn des Szenarios wird genau erklärt, was welches Symbol bedeutet.

Aufbau

Spielfeldgröße:Spielfeld 70cm x 50cm; ein wenig Ablageplatz für die Spieler
Aufbauzeit: ca 3 min

Thema

In diesem Spiel reisen wir in die Vergangenheit und müssen dort Missionen erfüllen, um das Gleichgewicht im Raum-Zeit Kontinuum wiederherzustellen. Wir reisen aber nicht persönlich in die Vergangenheit sondern nur unser Bewusstsein. Dieser wird in einen Wirtskörper hineintransferiert. Je nach Szenario stehen unterschiedliche Wirte zur Verfügung die sich durch spezifische Vor- und Nachteile auszeichnen.

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In dieser konkreten Mission werden wir zum Abschluss unseres Trainings in das Paris der 20er Jahre geschickt. Zielort ist eine Nervenheilanstalt. Hier sollen Dinge vor sich gehen die einen Riss erzeugen. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, was das ist.

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Hier sieht man vier der 8 möglichen Wirte der Mission: Nervenheilanstalt

Besonderheiten

Für jede Mission steht uns eine gewisse Menge an Zeit zur Verfügung. Schaffen wir es nicht während dieser Zeitspanne die Mission erfolgreich abzuschließen, werden wir in die Basis zurückgebracht. Jetzt können wir nochmal an den Beginn der Mission reisen. Diesmal haben wir aber unser Wissen aus dem vorhergehenden Durchgang. So kommen wir der Lösung immer näher.

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Die einzelnen Felder der Basis sind mit Buchstaben gekennzeichnet.

Die Gruppe befindet sich immer gemeinsam an einem Ort. Dieser besteht aus mehreren Karten die ein Panaorma bilden. Zusätzlich gibt es eine Karte, die den Ort beschreibt. Jetzt kann jeder Spieler einen Teil des Raumes untersuchen. Man kann auch gemeinsam einen Teil untersuchen.Man nimmt die Karte, liest sie sich durch und erzählt den anderen was passiert. Ihnen auf keinen Fall die Karten zeigen!

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Wenn man eine Karte untersuchen will (hier Basis – B), dann dreht man sie um und sieht sie sich an.

Während einer Zeiteinheit kann man eine von drei Aktionen ausführen Man macht eine Probe, bewegt seine Spielfigur oder tut nichts.

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Einige Beispiele für Proben

Jede Aufgabe hat eine Schwierigkeit und Proben beziehen sich immer auf Attribute. Man würfelt so viele Würfel wie das betreffende Attribut des Wirtes angibt und zieht es vom benötigten Ergebnis ab. Schafft man es nicht kann es sein, dass man eine Strafe bekommt.

So untersuchen wir einen Ort und suchen uns dann aus den verfügbaren Orten auf dem Übersichtsplan einen aus an den wir uns als nächstes bewegen. Die Karten des Ortes werden abgeräumt, unter der Zielraum aufgebaut.

Einstieg & Wiedereinstieg

Regelumfang: Regeln gibt es an sich nicht so viele
Einarbeitungszeit: Nach den ersten zwei Räumen hat man es heraus.

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Auf beigelegten Kartenwerden wichtige Symbole der aktuellen Mission erklärt.

Die Anleitung ist zwar gut strukturiert aber sie enthält zuviele Informationen für die 1. Mission. Es gibt auch kleine Regeln, wie z.B. dass man beim Reisen aus bestimmten Räumen noch einmal extra Zeit bezahlen muss, die man gerne vergisst. Da es aber ein kooperatives Spiel ist, ist das nicht gleich ein Weltuntergang.

Preis/Leistung

Das ist für dieses Spiel ein sehr subjektiver Punkt. Machen wir uns nichts vor. 40€ ist nicht gerade Kleingeld für etwas, das im Kern eigentlich ein Kartenspiel ist. Es ist auch nur ein Fall in der Schachtel, was den Wiederspielreiz eher gering hält aber ich finde schon, dass man das Spiel auch nach erfolgreichem Missionsabschluss spielen kann. Es ist nicht das gleiche wie es beim 1. Mal zu schaffen aber trotzdem spielbar.
Für den 1. Erfolg haben wir in einer 3er Gruppe recht lang gebraucht. Im 3. Durchlauf hatten wir es geschafft und unsere Bewertung am Ende viele nicht grade gut aus. Bob hat uns, glaube ich, zum Küchendienst abkommandiert. Nicht grade heroisch. Wir hatten auch nicht alles entdeckt, was es zu entdecken gab. Weiters sieht jeder Spieler nur die Karten an, die er/sie untersucht hat. So kann es passieren, dass einem einiges entgeht. Viele Wirte blieben auch ungenutzt. Die verändern das Spiel zwar nicht dramatisch aber können die Gruppendynamik beeinflussen.
D.h. man könnte versuchen eine höhere Punktezahl zu erreichen, andere Entscheidungen zu treffen oder andere Wirte nehmen. Oder man macht es so wie ich und spielt es in einer anderen Gruppe 🙂 Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich Menschen an gleiche Probleme herangehen.

Ich schweife ab … zurück zum Thema …

Wiederspielreiz – wenn man es mit gewöhnlichen Bretttspielen vergleicht: eher unterdurchschnittlich.

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Kommen wir zur Stärke des Spieles: Das Erlebnis.
Ziehen wir wieder einen Vergleich zu gewöhnlichen Spielen. Ich kann mich an fast keine Partie Dominion erinnern. Eine Partie weiß ich noch ganz genau, weil ich die Mistspieler mit Kultisten und der Seehexe zerlegt habe … aber sonst.Nichts… Catan…da erinnere ich mich an das Geplänkel zwischen Mitspielern aber an die Partien selbst … nein … nichts.T.I.M.E Stories …. oh ja … und wie. Details habe ich zwar schon vergessen aber gewisse DINGE vergisst man nicht (genauer kann ich leider nicht werden).  Dieses Spiel ist wie ein guter Film.

Das Material: Schwächen beim Inlay der Schachtel aber dafür ein Spielbrett von sehr guter Qualität und tolle Karten.

Insgesamt hängt es davon ab, ob man mit dieser Art von Spiel etwas anfangen kann. Man kann es nicht ewig und drei Tage wiederspielen aber es liefert ein anderes Spielerlebnis.

Meine Meinung

T.I.M.E Stories ist ein ungewöhnliches Spiel. Deswegen wird auch meine Meinung dazu etwas ausschweifender werden als üblich. Wenn ich es in wenigen Worten sagen soll, wäre das: Wundervoll aber nicht perfekt.

„Wundervoll aber nicht perfekt“

Fangen wir gleich Mal mit dem Negativen an. Das Inlay der Schachtel ist von der Idee her grandios. Nur leider ist es das nicht mehr, wenn man es genauer betrachtet. Die Anleitung erklärt ein paar Dinge, die für die 1. Mission nicht von Belang sind. Ich denke, man will hier ein paar „Features“ aus den zusätzlichen Aufträgen „anteasern“ aber notwendig wäre es nicht gewesen… mein Interesse an weiteren Fällen ist schon nach diesem geweckt.
Das waren eigentlich alle negativen Punkte.

Was ein neutraler Punkt ist, ist das Zeitreisen an sich. Manchmal ist es negativ, wenn man nur noch ein wenig mehr Zeit gebraucht hätte und dann noch einmal anfangen muss. Aber andererseits sorgt es dafür, dass einem immer wieder bewusst wird, dass man sich auf mehreren Zeitebenen voranbewegt. Ohne so einen „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Mechanismus könnte man sich gut beschweren, dass das Thema eigentlich nur aufgesetzt ist.

„Nur noch ein bisschen mehr Zeit!“

Was mir sehr gefällt ist dieses „Rollenspielerlebnis“, dass sich den Spielern aber nicht aufzwängt. Also keine Angst man muss nicht anfangen zu schauspielern oder sich eine Hintergrundgeschichte zu seinem Wirt überlegen (man kann natürlich). Es reicht auch, wenn man gerne Rätsel löst. Ein Großteil meiner Mitspieler hat kein Interesse an Rollenspielen und ist auch sonst eher zurückhaltend aber trotzdem kamen alle zu einem gewissen Grad in die Figuren hinein. Eben weil die Wirte, ihre Schrullen haben, die sich aktiv auf das Spiel auswirken und weil man den anderen Spielern nicht vorliest was auf den Karten steht oder sie ihnen zeigt, sondern man beschreibt ihnen mit eigenen Worten was passiert. Hört sich ziemlich banal an, ist aber ungemein effektiv. Wenn man zusätzlich noch eine passende musikalische Untermalung hat wirds richtig gut … apropos … Space Cowboys.. Soundtrack! … bitte danke 🙂

Das Ziel der Autoren war es ja, etwas ähnliches wie ein Rollenspielsystem zu schaffen, dass ohne Spielleiter funktioniert, überschaubaren Regeln und einen angenehmen zeitlichen Rahmen hat. Das ist ihnen voll und ganz gelungen. Selbst wenn man mal hängt, spätestens im nächsten Durchlauf probiert mans dann nochmal und weiß was funktioniert und was nicht. Man weiß, dass man das Spiel irgendwann knacken wird. Mission erfolgreich! Ein gutes Gefühl. Das macht für mich einen der großen Unterschiede zu Pandemic Legacy aus. Hier kann man, wie ich gehört habe, die abschließende Partie in den Sand setzen und dann hat man das ganze Jahr mit allen bis zu 23 vorangegangenen Spielen verloren. Das hört sich für mich ziemlich frustrierend an.

Zur Geschichte selbst sage ich nicht viel. Kindgerecht ist das ganze nicht. Aber das sollten einem schon die Illustrationen der Wirte und die Einbettung in eine Nervenheilanstalt sagen. Sie ist auch nicht augenöffnend inspirierend und wird nicht Schriftsteller auf der ganzen Welt beeinflussen aber gut erzählt und macht Lust auf mehr. Ich habe online in anderen Rezensionen gelesen, dass manche sich vom Ende der Mission mehr erhofft hatten aber ich fands dem Genre angemessen. Wir bewegen uns ja in einem Horror/Mystery Szenario und dort wird eigentlich nie alles erklärt. Sonst wärs ja kein Mystery mehr… Klassische Horrorliteratur von Lovecraft z.B. lebt davon dass man am Ende keine wirkliche Erklärung hat. Das hinterlässt zwar zuerst oft ein „Hä? Wie bitte? Was bedeutet das?“ Erlebnis aber das ist mir Hundertmal lieber als wenn am Ende für etwas zu Beginn Unerklärliches eine völlig schlüssige, rationale Lösung präsentiert wird. Das würde zwar zum logischen, menschlichen Denken passen aber gerade dieser Gegensatz macht, meiner Meinung nach, den Reiz des Genres aus. … Ich würde noch gerne weiter darüber philosophieren aber zurück zum Thema…
Was die Autoren in T.I.M.E Stories aus den erzählerischen Grenzen eines (!) Kartenstapels rausholen – sowas hab ich noch nie gesehen. Wenn ich dann noch sehe, dass die Zeitleiste bis 60 geht … für die Nervenheilanstalt hat man 30 Zeit zur Verfügung … denke ich, dass da noch ein paar große Fälle kommen werden.

Für Zwei Spieler würde ich das Spiel nicht empfehlen. Dadurch, dass hier jeder Spieler die Kontrolle über zwei Wirte übernimmt, geht viel vom Eintauchen in die Figuren verloren. Ich könnte mir nur vorstellen zu zweit zu spielen, wenn ich wirlich Interesse an einem möglichst effizienten Durchgang habe und eigentlich schon alles weiß was passieren wird.

Irgendwann (so hoffe ich) hab ich eine  kleine „Missionludothek“ die mit den unterschiedlichsten Genres gefüllt ist: Horror, Mystery, Thriller, Krimis, vielleicht strategischere Fälle, volle Action, Western, Eastern, Etwas inception artiges… Ich bin für alles offen, wenn es gut gemacht ist. In diesem Spielsystem ist enormes Potential für spannende Geschichten.

So fassen wir das mal zusammen: Eigentlich simple Regeln, eine interessante  zeitliche und örtliche Einbettung, Rätsel, Entdecken von Ortschaften und Sammeln von Gegenständen, zwangloses Rollenspiel, sehr schöne Illustrationen und in Zukunft noch mehr Fälle.

Für mich ist T.I.M.E Stories eines der Highlights des Jahres und auf alle Fälle unter meinen Top10. Was es nur mit einem Kartenstapel schafft ist schon beeindruckend. Es ist kein Spiel, dass man jede Woche rausholt und an Taktiken feilt. T.I.M.E Stories ist ein Erlebnis – ein Event. Man trifft sich Nachmittags/Abends, nimmt sich Zeit und genießt in vollen Zügen. Man wird mit einem tollen Spiel und Erinnerungen daran belohnt. Mal sehen wie es mit den Fällen weiter geht.

Sehr gut

Empfehlung

T.I.M.E Stories ist defninitiv kein Spiel für Jedermann. Wer die Meinung vertritt, ein Spiel muss theoretisch unendlich oft wiederspielbar sein, wird damit keine Freude haben. Man muss sich bewusst sein, dass es eher ein interaktiver Film ist.

Spieler die gerne Rätsel lösen und Freunde von erzählerischen Spielen sollten auf alle Fälle einen Blick riskieren.

Der Eventcharakter kommt vor allem bei einer Gruppe gut an, die sich zum Spielen nur selten zusammensetzt. Es gibt nicht viele Regeln die man jedes Mal neu Lernen müsste und alle 3-4 Monate kommt ein neuer Fall raus.Es wäre durchaus auch denkbar, sich die Kosten dafür aufzuteilen.

Ich mach das in einer Gruppe so, die jetzt keine Lust auf Strategiespiele hat. Nächstes Mal (im Herbst) spielen wir einen neuen Fall (sollte er endlich wieder lieferbar sein).

Wahnsinn wie schwer es ist nichts zu spoilern, obwohl man gerne würde

Rezensionsupdate (01/2017): Eine Art Rollenspielerlebnis ohne Spielleiter, ohne viel Geschreibsel auf Charakterbögen und ist an einem Abend spielbar? Bin eigentlich voll dabei. Jetzt kommt das aber … Seit ca. einem halben Jahr bekomm ich keine neuen Fälle. Das hat zur Folge, das es in 6 Monaten von meinen Top 3 (Zeitpunkt der Rezension) nicht mal mehr in die Top 10 schafft. Wenn sich an der Verfügbarkeit nicht bald was ändert, wird es leider den Weg des Dodos gehen. Das wäre sehr schade. Eine Abwertung für das Spiel gibt es derzeit aber noch nicht.

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4 Gedanken zu “T.I.M.E Stories (spoilerfrei)

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